Wer an Kaffee im Mittelmeerraum denkt, sieht meist Espresso an der Bar, türkischen Mokka oder einen Cappuccino auf einer Piazza vor sich. Die Frage nach der Produktion ist daher überraschender, als sie zunächst klingt: Wird am Mittelmeer überhaupt Kaffee angebaut? Die kurze Antwort lautet: kaum. Die lange Antwort ist spannender, denn die Mittelmeerländer prägen den Kaffee auf ganz anderen Wegen, nämlich als Handelsplatz, Rösterland und Kulturraum.
Der Raum: Welche Länder gehören dazu?
Zunächst zur Abgrenzung. Am Mittelmeer liegen nach dem Beitrag Welche Länder liegen am Mittelmeer? von wasser-und-mehr.de insgesamt 23 Länder auf drei Kontinenten, von Spanien, Frankreich und Italien im Westen über Griechenland, die Türkei und Zypern im Osten bis nach Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien und Marokko im Süden. Diese Spanne ist wichtig, um die Frage nach dem Kaffee einzuordnen: Es geht um einen riesigen, kulturell sehr unterschiedlichen Raum, der klimatisch aber überall ähnlich außerhalb der klassischen Kaffeeregion liegt.
Warum der Anbau am Mittelmeer so schwierig ist
Kaffee ist eine tropische Pflanze. Er wächst nach Angaben des Lernhelfers in den Tropen bis etwa 24 Grad nördlicher und südlicher Breite und verträgt keinen Frost. Diese Bedingung grenzt das Anbaugebiet stark ein. Der sogenannte Kaffeegürtel zieht sich zwischen den Wendekreisen um die Erde, wie auch eine Broschüre des Botanischen Gartens der Universität Erlangen-Nürnberg beschreibt. Das Mittelmeer liegt deutlich nördlich davon. Zwar sind die Winter mild, aber Frostnächte kommen vor, und die Kombination aus Temperatur, Höhenlage und Niederschlag, die Kaffee braucht, ist dort selten gegeben. Wirtschaftlich relevanten Kaffeeanbau gibt es am Mittelmeer daher nach den hier ausgewerteten Quellen nicht.
Der Sonderfall: Kaffee aus Europa
Es gibt allerdings eine bekannte Ausnahme in Europa, und sie wird gern fälschlich dem Mittelmeer zugeordnet: die Kanarischen Inseln. Im Agaete-Tal im Nordwesten von Gran Canaria wird seit dem 19. Jahrhundert Kaffee angebaut. Die Pflanze kam laut dem Tourismusbüro von Gran Canaria im 18. Jahrhundert auf die Kanaren, zunächst in einen Akklimatisierungsgarten auf Teneriffa, und gelangte von dort nach Agaete (Patronato de Turismo de Gran Canaria).
Die Dimensionen sind klein. Ein Reisebericht in der Schwäbischen Zeitung nennt rund 40 Kaffeeanbauer im Tal. Auf der dort beschriebenen Finca de La Laja wächst Kaffee auf etwa drei Hektar, und aus sieben Kilogramm gepflückter Früchte entsteht ein Kilogramm Kaffee. Ein älterer Beitrag von RIU beziffert die Ernte der Sorte Typica auf etwa 1.500 Kilogramm. Auch auf Teneriffa gibt es kleine Pflanzungen, etwa im Anaga-Gebirge (Canarius).
Wichtig für die Einordnung: Die Kanaren liegen im Atlantik, etwa 210 Kilometer westlich von Marokko, und gehören nicht zum Mittelmeer. Dort ist Kaffee ein Nischenprodukt für Feinschmecker und Besucher, kein Wirtschaftsfaktor im Weltmarkt.
Was die Mittelmeerländer wirklich ausmacht
1. Handel: Häfen als Tore für den Rohkaffee
Seit Jahrhunderten kommt Kaffee über das Mittelmeer nach Europa. Venezianische Händler brachten laut der Erlanger Broschüre 1615 erstmals Kaffeebohnen nach Europa. Auch in Venedig und Marseille tranken Seeleute schon früh selbstverständlich Kaffee (Tagesspiegel).
Heute ist vor allem Triest ein Symbol dieser Rolle. Als Hafen- und Handelsstadt war es laut 1000things Magazine schon um 1900 einer der wichtigsten Kaffeehandelsplätze Europas. Wikivoyage nennt einen großen Teil des nach Italien importierten Rohkaffees, der in Triest entladen wird. Mehr Kaffee werde in Italien nur im Hafen von Genua umgeschlagen (Aero International). Auch Neapel und Rijeka werden in diesem Zusammenhang als Kaffeehäfen genannt (Roastmarket).
2. Veredelung: Rösten ist die eigentliche Wertschöpfung
Der Schwerpunkt der Kaffeewirtschaft am Mittelmeer liegt im Rösten und Vermarkten. Italien ist dafür das beste Beispiel. Roastmarket schreibt, kein europäisches Land habe mehr kaffee- und teeverarbeitende Unternehmen als Italien. Zu den großen Namen zählen Lavazza und illy, daneben gibt es viele regionale Röster. Triest ist laut 1000things die Heimat von illy und Hausbrandt, die 1933 gemeinsam gegründet wurden.
Auch der Geschmack ist regional geprägt. Nach dem Lernhelfer sind in Frankreich, Italien und Spanien lange geröstete, dunkelbraune Bohnen beliebt, während man in Deutschland hellere Röstungen bevorzugt.
3. Kultur: Kaffee als Lebensart
Am stärksten ist der Mittelmeerraum beim Kaffeegenuss. Die UNESCO hat die türkische Kaffeekultur und -tradition 2013 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen und beschreibt sie als Symbol für Gastfreundschaft und Freundschaft. Bemerkenswert dabei: Kaffee wird in der Türkei laut einem Reiseblog nicht in nennenswertem Umfang angebaut. Das Besondere sei die Zubereitung und das gemeinsame Trinken.
Auch Italien lebt Kaffee als Alltag: In Triest werden nach Angaben von 1000things rund 1.500 Tassen pro Kopf und Jahr getrunken, fast doppelt so viel wie im übrigen Italien. Statista nennt für Südeuropa weitere Besonderheiten, etwa den Café con Leche in Spanien und den Frappé in Griechenland (Statista). Die Kaffeekultur und der Tourismus tragen demnach wesentlich zur Nachfrage bei.
Ausblick 2026: Was bleibt wichtig?
Für 2026 lassen sich einige Linien erkennen, ohne dass man Prognosen überdehnen sollte:
- Der Anbau bleibt tropisch. Die Hauptproduktion findet weiter im Kaffeegürtel statt. Wer am Mittelmeer Kaffee trinkt, trinkt importierte Ware.
- Das Mittelmeer bleibt Schaltstelle. Häfen wie Triest und Genua sowie große Röster bleiben für den europäischen Markt wichtig.
- Qualität und Herkunft gewinnen an Bedeutung. Statista beschreibt für Südeuropa einen Trend zu hochwertigem Kaffee und spezialisierten Cafés. Auch Fair-Trade-Zertifizierungen spielen bei vielen Röstern eine wachsende Rolle.
- Klimawandel als Unsicherheitsfaktor. Die Anbaugebiete am Äquator gelten als gefährdet, wie auch der Tagesspiegel in einer Buchbesprechung hervorhebt. Das kann Preise und Verfügbarkeit beeinflussen, auch für Röster am Mittelmeer.
Fazit
Kaffeeproduktion am Mittelmeer bedeutet nicht Plantagen, sondern Handel, Röstkunst und Kaffeekultur. Angebaut wird hier praktisch nichts, die Ausnahme auf den Kanaren liegt im Atlantik und ist winzig. Dafür haben Mittelmeerländer wie Italien, die Türkei, Griechenland und Spanien die Art geprägt, wie die Welt Kaffee trinkt. Wer die Länder des Mittelmeerraums besser einordnen möchte, findet im Beitrag Welche Länder liegen am Mittelmeer? einen kompakten Überblick, und mehr zur Region bieten auch die Artikel zum Mittelmeer und zu den Meeren in Europa.
